Im Odoo-Standard startet jedes Unternehmen mit einem einzigen Lagerhaus. Sobald das Geschäft jedoch expandiert und Artikel gezielt in spezifischen Regalen, Ebenen oder Fächern organisiert werden müssen, reicht eine einfache Freifläche nicht mehr aus. Odoo stellt dafür ein flexibles System aus hierarchischen Lagerorten, mehrstufigen Logistikprozessen und automatischen internen Umlagerungen bereit.
Grundkonfiguration: Lagerorte und mehrstufige Routen aktivieren
Um die einfache Großfläche in ein strukturiertes Lager zu verwandeln, müssen zwei zentrale Einstellungen im Modul Lager unter Konfiguration > Einstellungen aktiviert werden: Lagerorte und Mehrstufige Routen.
Nach dem Speichern erweitern sich die Einstellungsmöglichkeiten innerhalb der Lagerhaus-Konfiguration erheblich. Hier lässt sich für jedes physische Gebäude individuell festlegen, über wie viele Prozessschritte der Warenausgang und der Wareneingang ablaufen sollen:
Einstufiger Wareneingang: Die Ware wird entgegengenommen und im selben Schritt direkt an ihren finalen Lagerplatz gestellt.
Zweistufiger Wareneingang: Der Wareneingang erfolgt zuerst in eine zentrale Empfangszone (z. B. Rampe). In einem zweiten, separaten Arbeitsschritt bringt ein Mitarbeiter die Pakete an den eigentlichen Lagerort.
Dreistufiger Wareneingang: Ergänzt den Prozess um eine physisch getrennte Qualitätsprüfung. Die Ware wandert vom Eingang erst in die Qualitätskontrolle und von dort weiter in das Zielregal.
Ein analoges Prinzip gilt für den Warenausgang: Hier lässt sich zwischen dem einfachen Versenden in einem Schritt, dem zweistufigen Prozess (Kommissionieren und Versenden) sowie dem dreistufigen Ablauf (Kommissionieren, Verpacken und Versenden) wählen.
Bei mehrere physisch getrennte Lagerhäuser, können diese Schritte für jedes Gebäude unterschiedlich definiert werden.
Die verschiedenen Lagerort-Typen im Überblick
In der Menüliste unter Konfiguration > Lagerorte filtert Odoo standardmäßig nach Interne Lagerorte. Entfernst du diesen Filter, wird das gesamte Fundament der Odoo-Bestandsführung sichtbar. Odoo unterscheidet verschiedene Typen von Lagerorten:
Internal (Interner Lagerort): Physische Orte innerhalb deines Unternehmens, auf denen echte Bestände liegen (z. B. Regale, Fächer, Palettenplätze).
Virtual (Virtueller Lagerort): Orte, die physisch nicht existieren und keine Produkte aufnehmen können. Sie dienen rein der baumartigen Strukturierung des Systems.
Lieferant & Kunde: Virtuelle Gegenpole außerhalb deines Hauses. Bucht Odoo eine Lieferung an einen Kunden oder einen Empfang vom Lieferanten, wird die Ware von bzw. in diese Orte bewegt. So bleibt die gesamte Lieferkette historisch nachvollziehbar, ohne deinen realen Bestand zu verfälschen.
Bestandschwund (Scrap/Loss): Ein virtueller Ort für Bruch, Beschädigung oder Schwund, um ausgebuchte Artikel korrekt aus der Inventarbewertung zu entfernen.
Produktion: Eine physische Zwischenstation, in der Rohmaterialien temporär verweilen, während daraus ein neues Produkt gefertigt wird.
Hierarchische Lagerstruktur und Regale anlegen
Beim Erstellen eines neuen Lagerorts lassen sich spezifische Attribute festlegen: Neben dem Namen und dem übergeordneten Ort kannst du Barcodes für Labels hinterlegen (ideal für das Scannen per Handheld), Entnahmestrategien festlegen oder einen automatischen Inventur-Turnus definieren (z. B. eine automatische Benachrichtigung zur Zählung alle 60 Tage).
Um eine Feinstruktur aufzubauen, werden Unterlagerorte angelegt (z. B. Bestand -> Regal 1 -> Ebene 1 -> Fach 1).
Wichtiger Praxistipp: Sobald du Unterlagerorte wie Regale unter einem Hauptort (z. B. WH/Bestand) anlegst, solltest du den Hauptort selbst auf den Typ Virtuell umstellen. Dadurch wird verhindert, dass Mitarbeiter aus Versehen Ware auf der allgemeinen Hauptebene buchen, anstatt ein konkretes Regal auszuwählen. Achtung: Falls auf dem Hauptort bereits Artikel gebucht sind, müssen diese zuerst per internem Transfer in die neuen Unterorte verschoben werden, da Odoo eine Typänderung bei belegten Orten blockiert.
Ob du die Struktur tief verschachtelst (Regal 1 -> Ebene 1) oder Bezeichnungen flach zusammenfasst (Regal 1 Ebene 1), bleibt dir überlassen. Eine echte hierarchische Verschachtelung bietet jedoch den Vorteil, dass du Bestandsauswertungen mit einem Klick auf der gesamten Regalebene zusammenfassen kannst. Bei sehr großen Lagern empfiehlt sich das Anlegen der Orte über einen Tabellen-Import.
Interne Transfers und automatische Nachbestellregeln
Sollen Produkte innerhalb des Lagers den Platz wechseln, geschieht dies über den Vorgangstyp Interner Transfer. Hierbei werden Quell- und Ziellagerort ausgewählt und die entsprechende Menge umgebucht.
Diese internen Bewegungen lassen sich vollständig automatisieren. Über die Nachbestellregeln (Min-Max-Regeln) auf Produktebene lässt sich festlegen, dass ein bestimmter interner Lagerort (z. B. ein kleines Pufferlager direkt an der Produktionslinie) niemals leerlaufen darf:
Wähle in der Nachbestellregel den spezifischen Ziel-Lagerort aus (z. B. Regal 1 / Ebene 1).
Stelle die gewünschte Mindest- und Höchstmenge ein.
Verknüpfe die Regel mit der Route für Interne Transfers.
Fällt der Bestand an diesem spezifischen Platz unter den Mindestwert, löst Odoo keinen Einkauf beim externen Lieferanten aus, sondern generiert automatisch einen internen Umlagerungsauftrag aus dem zentralen Hauptlager.
Im Video Schritt für Schritt erklärt
Damit du dir den Prozess auch in der Praxis ansehen kannst, haben wir das Ganze in einem Video festgehalten. Wir zeigen dir live, wie du die Lagerorte aktivierst, Ein- und Auslagerungsstufen konfigurierst, Regale in der Baumstruktur anlegst und automatische Nachbestellregeln für interne Umlagerungen einrichtest.